„Klangschnuller“ war einmal – Die Blockflöte zeigt erstaunliche Vielfalt

Der Farbenreichtum der Blockflöte ist spannender denn je – für Alte Musik genauso wie für die musikalische Avantgarde
Gedanken des Verbandes deutscher Musikschulen (VdM) zum Tag der Blockflöte am 10. Januar 2014.

Die Blockflöte ist heute nach wie vor als Soloinstrument wie auch im Ensemble (Blockflöten-Consort) stark gefragt, auch größere Ensemble-Besetzungen sind in allen Generationen nachgefragt. Die Registervielfalt dieser Instrumentenfamilie ist dabei so groß wie bei keinem anderen Blasinstrument: von der Garkleinflöte bis hin zur Kontrabass- oder sogar Subkontrabassflöte ist eine erstaunliche Variationsbreite für das individuelle wie für das Ensemblemusizieren vorhanden.

Das schon in prähistorischer Zeit (Knochenflöte) existierende Instrument Blockflöte fand bereits in Altertum (Hirteninstrument) und in den Gesellschaftsformen der Antike Verwendung. Wurde die Blockflöte früher vorwiegend von Männern gespielt, wie viele Abbildungen belegen, findet man heute überwiegend Frauen an diesem Instrument, in vielen Fällen in den Blockflöten-Ensembles.

Zwar bieten die Blockflöten bereits sehr jungen Schülerinnen und Schülern gute Einstiegsmöglichkeiten, ohne große Vorerfahrung zu schnellen musikalischen Anfangserfolgen zu gelangen. Dann wird das Erlernen des Instruments jedoch schwieriger, um auf ein mittleres bis hohes Niveau zu gelangen – wegen komplexer Spielweisen, komplizierten Kombinationen in Griff- und Blastechnik und sehr hohem Nuancenreichtum in der Tonansteuerung und der Ausdrucksgestaltung. Insofern ist der Ausspruch von Hamlet „Blockflöte spielen ist so leicht wie lügen“ selbst eine Lüge.

Nach ihrer ersten differenzierten Entwicklung im ausgehenden Mittelalter und ihrer Blütezeit in der Renaissance und im Barock erfolgte ein Wiederaufleben der Blockflöte in der Jugendbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts. Nach dem 2. Weltkrieg fand die Blockflöte im Musikunterricht von Schule und Musikschule immer stärkere Resonanz (ein Wegbereiter dazu war in den 50er Jahren Peter Harlan auf Burg Sternberg).

Die Blockflöte gelangte im letzten halben Jahrhundert in Konzert, Unterricht und Ausbildung auf ein immer professionelleres Niveau. Die bis vor kurzem hohen Ausbildungskapazitäten, die Bildung zahlreicher Spezialensembles, der zunehmende Stellenwert bei Festivals und in Wettbewerben sind nachweisbare Indikatoren für diesen Aufschwung der Blockflöte ebenso wie die zunehmende Literaturvielfalt in Notenausgaben, pädagogischer Literatur und Musikwissenschaft. Gerade die musikwissenschaftliche Forschung hat zu zahlreichen Entdeckungen oder Wiederentdeckungen von Werken mit Blockflöte geführt, die Eingang ins Repertoire finden. Auch zeitgenössische Komponisten haben die Blockflöte seit Jahrzehnten entdeckt: Henze, Kagel, Berio und viele andere Avantgarde-Komponisten des letzten Jahrhunderts sowie neueste Kompositionen etwa von Moritz Eggert oder Toshio Hosokawa sind in Festivals oder im Rundfunk zu hören.

Auch in der Musikschule ist die Blockflöte wirklich kein „Notholz“ mehr, zumal sie nicht mehr wie in früheren Jahren zumeist den Einstieg in das instrumentale Musizieren bildet. Heute ist die Palette der Einstiegsinstrumente für kleinere Kinder deutlich vielfältiger geworden. Dadurch sind die Zahlen der Blockflötenschülerinnen und -schüler in den Musikschulen zwar quantitativ rückgängig, stehen aber immerhin noch an 4. Stelle der beliebtesten Instrumente. Die aktuelle Schülerzahl weist aber diejenigen aus, die Blockflöte gezielt lernen. Insofern ist die Zahl derjenigen, die Blockflöte als „ihr“ Instrument ansehen, qualitativ und auch quantitativ angestiegen.

Heute wird die Blockflöte auch in weiteren Musikbereichen genutzt: In der Pop-Musik haben sie die Beatles und die Stones verwendet, auch Jimi Hendrix und Led Zeppelin. Auch im Jazz ist die Blockflöte vereinzelt zu hören. In den meisten Genres der Folk-Musik hat sie ein großes Spektrum von Einsatzmöglichkeiten.

Im Zuge der Professionalisierung der Blockflötenszene halfen internationale Solisten wie Frans Brüggen oder Hans-Martin Linde, die Aufmerksamkeit über die Fachwelt hinaus auf das Instrument zu lenken. Heute sind es gefragte Interpretinnen wie Dorothee Oberlinger, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet ist, oder Michala Petri, die mit Einspielungen überzeugen. In der Verbindung zwischen Musikwissenschaft und Aufführungspraxis sind es Fachleute wie Michael Schneider, die mit interessanten Aufführungen von Barockopern (wie zuletzt Telemanns „Sieg der Schönheit“) die Blockflöte „in Szene“ setzen.

Die Profis in der Blockflötenwelt sind in Organisationen wie der European Recorder Teachers Association (ERTA) und der European Recorder Players Society (ERPS) zusammengeschlossen. Fachzeitschriften sind tibia und Windkanal. „Ausgrabungen“ im Bereich der Oper (Telemann) zeigen die Blockflöte als charakteristisches Instrument im Liebeskontext wie in Schmerz-Szenen.

Risiken sollen an dieser Stelle aber nicht verschwiegen werden: In der Ausbildung begrenzen kommunale Sparzwänge die Kapazitäten an Musikschulen für dieses Instrument – die Musikhochschulen fahren ebenfalls Ausbildungskapazitäten zurück. Dies kann eine Langzeitwirkung mit sich bringen, die binnen einer Dekade als Verarmungen in Quantität und Qualität spürbar werden können. Es ist zu wünschen, dass die Situation sich aber stabilisiert und Ausbildungskapazitäten gehalten werden.

Fazit: Nur noch von Unwissenden und Klischee-Fetischisten wird die Blockflöte belächelt. Beschäftigt man sich seriös mit Musik, wird man dem Niveau heutiger Präsentationen von Blockflötenmusik eher mit Staunen gegenüberstehen. Wer einmal die erstaunlichen Leistungen in der Blockflöte bei „Jugend musiziert“ hört, kann diese Begeisterung der jungen Menschen für „ihr“ Instrument, in der Alten Musik wie in der Neuen Musik verstehen: Das Klangspektrum, die Farben, die Ausdrucksfähigkeit, die der Stimme am ähnlichsten ist – all dies macht die Seele des Instruments aus, die anima. Die Blockflöte beseelt ihre Spieler und animiert die sensiblen und aufmerksamen Zuhörer.

Der VdM wünscht der Blockflöte auf jeden Fall an ihrem „Ehrentage“ weiter den Erfolg, den sie wirklich verdient!
Matthias Pannes

Pressekontakt:
Claudia Wanner
Verband deutscher Musikschulen e.V.
Tel. 0228 / 95706-21
Mobil 0171-7364487
E-Mail wanner@musikschulen.de
www.musikschulen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


9 + 9 =